Geschichte (nicht nur) einer Familie
77jahre

Mi 15. & So 19.07.1931, Brief von Walter an Anneliese: “Gute Freunde könnt ihr ja immer bleiben”

Bochum d. 15.7.31.

Mein liebes Kind!

Deinen lieben Brief habe ich mit vielem Dank erhalten. Meine Probelektion habe ich erst am Montag halten können. Es hat aber ganz gut geklappt. Prädikat 2-. Die Vorbereitung hat eine Menge Arbeit gemacht. Den ganzen Sonntag war ich im Labor bis 8 Uhr abends. Dann habe ich meinen Entwurf zusammen geschrieben und war gegen 1 Uhr im Bett. Montag in der 2. Stunde stieg die Sache dann. Deine guten Wünsche haben natürlich geholfen. Morgen werde ich eine neue Klasse übernehmen, O III. Den zu behandelnden Stoff will ich wahrscheinlich zu einer pädagogischen Arbeit ausbauen. Bis jetzt bin ich mir noch nicht klar darüber, wie ich den Unterricht aufziehen soll, aber das wird noch heute abend, wenigstens für die erste Stunde. Am Donnerstag nächster Woche muß ich ein Referat in “Theoretischer Chemie” halten. Zu der eigentichen Pädagogik bin ich noch garnicht gekommen. Ich habe jeden Nachmittag besetzt, wenn nicht durch Sitzungen, so durch Privatstunden. Ich bin aber froh, daß ich etwas verdiene.

Die Bilder haben mir gut gefallen, besonders natürlich das Bild von der Weltmeisterin in spe. Nur schade, daß das eine Bild durch meine Dummheit vermurkst worden ist. Hoffentlich vergrößert sich meine Kollektion im Laufe der Zeit noch beträchtlich.

Für Harald tut es mir wirklich leid, obwohl ich ihn garnicht kenne. Es ist im Leben aber nicht anders. Es wird schon selten einen Menschen geben, der von seelischen Konflikten ganz unberührt bleibt. Meist scheitert man daran, daß man eine ehrliche Absage für unmöglich hält und immer noch hofft, selbst wenn der klare Verstand den Schluß ziehen muß, da die Hemmungen der Gegenseite unüberbrückbar sind. Schließlich ist niemand dafür haftbar zu machen, daß seine persönlichen Neigungen und Empfindungen mit denen eines anderen Menschen nicht konform sind. Ich kann wohl verstehen, daß Dir der Tag mit Harald recht schwer geworden ist, da Du für ihn doch die Ursache der Betrübnis bist. Schließlich bist Du nicht hart genug, um Dich durch das Leid eines guten Freundes nicht stören zu lassen.

Gute Freunde könnt ihr ja immer bleiben. Wenn er im Laufe der Unterhaltung die Lage klar erkannt hat, wird er sich in einer Stadt wie Berlin bald einem anderen Mädel anvertrauen und glücklich und zufrieden werden. Mach Dir deshalb nur keine Sorgen. Am liebsten wäre ich schon heute (Sonntag; ich konnte diesen Brief leider am Mittwoch nicht zu Ende schreiben) mit Dir zusammen; aber wenn es Dir nächsten Sonntag, also am 26. Juli, recht ist, komme ich nach Schwelm. Vielleicht überlegst Du Dir mal, wie wir den Tag recht nett verbringen. Ich dachte, daß wir nachmittags mal nach Elberfeld fahren, ich hab schon tüchtig gespart, die Liebe bringt selbst so etwas fertig.

Am Sonntag wird bei mir schon so eine gemischte Ferienstimmung eingezogen sein. Am Freitag sind 2, am Samstag die letzten 4 Probelektionen gestiegen; ich stehe mit meiner 2- aber noch mit an bester Stelle. Eine glatte 2 ist nicht herausgekommen. Etwas Kopfschmerzen machen mir noch die beiden schriftlichen Arbeiten und die Vorbereitung für die mündliche Prüfung, aber so Gott will, wird auch das geschafft werden.

Hoffentlich bist Du, mein liebes Kind, so wie Deine lieben Eltern, noch recht gesund. Schreib mir bitte bald und sei bis auf ein frohes Wiedersehen, möglichst am Sonntag, vielmals gegrüßt und geküßt

von Deinem treuen Walter.

Viele freundl. Grüße an Deine lb. Eltern!

1 Kommentar

1 Walter und Anneliese schrieb am 10.08.08 um 16:10 Uhr:

[...] Er selbst lässt Anneliese und ihren späteren Mann Walter bloggenderweise wieder auferstehen bei 77jahre.de. Genau 77 Jahre nach den jeweiligen Briefen und Postkarten bekommt die Welt die Korrespondenz der beiden zu lesen. Noch ist Walter anscheinend Referendar. [...]

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