Mi 08.07.1931, Brief von Anneliese an Walter: “Warum der Mann nur nicht in den Reichstag gegangen ist”
Poststempel: Schwelm, 9.7.31, 7-8 Uhr
Schwelm, den 8. 7. 31.
Mein lieber Walter!
Es ist immer solch nette Sonntagsüberraschung, wenn mir beim Öffnen des Briefkastens ein Brief von Dir entgegenfällt. Ich danke Dir auch recht schön, daß Du trotz all Deiner Arbeit so bald geschrieben hast. Das “blaue Bild” habe ich aber vergebens gesucht. Hoffentlich gefallen Dir die beiden einliegenden Bildchen ein wenig; die Sonne stand leider etwas senkrecht, sodaß Licht und Schatten ohne rechten Übergang sind. Ich finde die Aufnahmen aber ganz nett, schon darum, weil mir der Gegenstand der Aufnahme eben gefällt, aber das ist Dir wohl ganz neu. In die andere Platte war doch Licht gekommen, zur Entschädigung das Bild von der zukünftigen Weltmeisterin.
Hoffentlich hast Du Deine Probelektion glücklich überstanden und hoffentlich ist nicht wieder solch dummes Zeug kritisiert worden. Aber ich sag ja immer, die Studienräte sind eben ganz besondere Gesellschaft, die taugen alle nichts! D. h. ausgenommen unser lieber Freund Mucki. Warum der Mann nur nicht in den Reichstag gegangen ist, bei diesem fabelhaften Redetalent. Als ich gegen ½ 12 h von der Bahn zurückkam, schlief ungefähr alles, Mucki jedoch erzählte ohn’ Unterlass und seine Frau strahlte ihn begeistert an. Wir haben nun erst für eine Weile genug und werden Dich in Zukunft mit diesem Besuch verschonen. Mucki selbst und seine Frau konnten sich nachher gar nicht beruhigen, dass wir beiden so ruhig gewesen wären. Es ist merkwürdig, daß sie so etwas doch empfinden, wo ihnen doch jede Einsicht für die Unschicklichkeit seines vielen Redens abgeht.
Diese Woche kam ganz unerwartet Harald Schulz eines Morgens zu uns. Das war ein recht schwerer Tag, der mich recht mitgenommen hat. Mir fällt es so schwer, einem Menschen wehtuen [sic] zu müssen, der doch nichts verbrochen hat, als dass er einen gern hat. Und aus Dankbarkeit dafür muss man ihn dann so schwer verletzen. Aber ich bin froh, daß nun endlich Klarheit herrscht.
Wie war es denn in Witten? Das war doch sicher mal eine nette Abwechslung.
Und nun, mein lieber Junge, will ich Schluß machen; ich habe heute eifrig Tennis gespielt und bin nun recht müde. Und wenn Du einmal wieder Zeit hast, dann schreibst Du mir mal, wie es Dir geht, nicht wahr?
Viele, viele herzl. Grüße
Deine Anneliese.
2 Kommentare
Liebe Anneliese, lieber Walter,
noch lesenswerter fände ich 77jahre, wenn im zugehörigen Feed der komplette Artikeltext enthalten wäre und nicht nur der Anreisser.
Euer
Niels
Problem ist gelöst; RSS-Leser bekommen jetzt auch den ganzen Text.
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