Di 23.06.1931, Brief von Anneliese an Walter: “Der Morgen gehört uns dann ganz alleine”
Poststempel: Schwelm, 19-20 Uhr.
Schwelm, den 23. 6. 1931.
Mein lieber Walter!
Gerade ist mein Schneiderunterricht, den ich bei Mutter bekommen habe, zu Ende und da will ich Dir erst einmal recht schön für Deinen lb. Brief danken. Nachm. habe ich wieder “Dienst”, dann muss ich mit Vater spazieren gehen. Dann werde ich einmal an Dich denken, wie Du in netter Gesellschaft hoffentlich einige frohe Stunden verleben wirst. Du sollst Dich aber ruhig fleißig im Tanzen üben, denn das ist doch eine nette Abwechslung nach all der reichlichen Arbeit und Du könntest sonst auch aus der Übung kommen für Sonntag, denn ich habe solch schöne neue Schallplatte. Wir freuen uns natürlich schon tüchtig auf Dein Kommen. Wie gut ist es doch, dass Bochum nicht so weit entfernt ist! Muckis “geruhen” dann nachmittags auch zu kommen, auch Müllers mit Herbert und der kleinen dicken Hilde werden zur Kaffeezeit erscheinen; ich glaube aber, es wird ganz nett werden. Der Morgen gehört uns dann ganz alleine und darauf freue ich mich sehr. Dann musst Du mir recht viel erzählen.
Nach wie vor spielen wir eifrig Tennis. Leni hat diese Woche auch wieder angefangen. Es macht viel Freude, wenn man an sich selbst den Fortschritt sieht, denn wenn der nicht da ist, sollte man’s lieber lassen. Da hat letzte Woche Jenny Thomas mit uns gespielt. Ja, man soll nicht wider seine Natur sündigen und Jenny ist eben fürs Bücken und Laufen nicht geschaffen. Leni und ich haben unser Möglichstes getan, sie einmal zum Laufen anzufeuern, doch sie scheint Angst vorm Dünnerwerden zu haben. Nebenbei haben wir aber – sowie alle Zaungäste – herzlich gelacht über ihre Grazie. Leider, leider kommt das Englischlernen noch immer viel zu kurz, das bleibt fürs Regenwetter.
Bis zum sonnigen (!) Sonntag bin ich mit den herzl. Grüßen
Deine Anneliese.
Deinen lb. Angehörigen ebenfalls recht freundl. Grüße.
Noch keine Kommentare
Schreib' doch den ersten!
Schreib einen Kommentar: