Geschichte (nicht nur) einer Familie
77jahre

Sa 20.06.1931, Brief von Walter an Anneliese: “Ich denke morgens, mittags und abends an Dich”

Bochum, d. 20. Juni 31.

Mein liebes Kind!

Hab recht vielen Dank für Deinen [sic] beiden netten Briefe, die mir wirklich Freude und gute Stimmung gebracht haben. Die Probelektion ist ganz gut verlaufen. Zensur 3+. Ich bin auch zufrieden damit. Bis zur nächsten hat es noch etwas Zeit. Das Protokoll für die Allgemeine Sitzung ist schon fertig. Als nächste Arbeiten kommen jetzt ein Referat in Chemie und 2 in Turnen. Nebenbei läuft die Unterrichtsvorbereitung. Allmählich muß ich auch daran denken, eine Halbjahresarbeit in Angriff zu nehmen. Aber wenn ich gesund bleibe, wird das alles schon werden. Ich denke morgens, mittags und abends an Dich und zähle schon die Tage, bis wir wieder zusammen sind. Morgen in einer Woche, also am Sonntag, den 28. Juni, möchte ich Euch gern wieder besuchen. Hoffentlich passt es Euch an dem Tage. Mir ist es natürlich angenehm, wenn Mucki und Frau nachmittags bei Euch sind. Es wird dann sicherlich ganz gemütlich werden. Damit wir beiden auch etwas allein sind, komme ich wie üblich schon morgens, mit dem Zuge, der ca. 840 Uhr in Schwelm ist. Hoffentlich ist das Wetter einigermaßen. Augenblicklich regnet es hier, aber in einer Stunde scheint vielleicht schon wieder die Sonne.

Es tut mir leid, dass Leni krank ist. Ich glaube, der fehlt ein bisschen Liebe. Hoffentlich geht es ihr wieder besser, sodaß das Tennisspielen seinen Fortgang nehmen kann.

Für Dienstag abend bin ich bei Direktor Lieber eingeladen. Ich erzählte Dir schon mal von der Familie. 1927/28 hatte ich den Jungen in Privatstunden. Was dort eigentlich los ist, weiß ich noch nicht, wahrscheinlich hat jemand Geburtstag. Es soll auch etwas getanzt werden. Ich werde mich nach Möglichkeit mehr auf das Betrinkenspielen legen, denn die Mädchen interessieren mich ja doch nicht mehr. Liebers wissen ja auch noch nicht, dass in meinem Gefühlsleben eine wesentliche Änderung eingetreten ist. Jetzt eben sind mein Onkel und mein Vetter gekommen, sodaß ich leider Schluß machen muß, sei mir bitte nicht böse drum. Sonntag werden wir umsomehr erzählen.

Bis dahin sei recht herzlich gegrüßt und geküsst

von Deinem treuen Walter.

Viele freundliche Grüße an Deine lieben Eltern

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